Sonntag Abend. Ich vermisse den Tatort. Oh, wie ich Komissar Borowski und Charlotte Lindholm vermisse! Statt dessen zappe ich mich gelangweilt durch die 16 staatlichen CCTV-Kanäle und 40 lokalen Sender. Chinesisches Fernsehen ist Folter, auf 30 von 56 Sendern laufen billig produzierte Soap-Operas, den ganzen Tag. Kein Gemüse- oder Obstladen, dessen Verkäufer nicht gebannt zwischen Bananenkisten sitzt und den neuen Herzschmerz seines Lieblingshelden verfolgt. Es geht dabei meist um tragische Liebesbeziehungen, die Protagonisten heulen dilettantisch und halten im Falle eines Happy Ends maximal Händchen. Alles in allem scheinbar asexuelle Wesen, die, wenn sie sich tatsächlich mal küssen sollten, dies vorwiegend hinter Vorhängen oder Bettlaken tun. Schattenrisse sind sehr beliebt in chinesischen Soaps. Bettszenen sind tabu, nackte Schauspieler werden nur bis exakt 13 Zentimeter unterhalb des Kinns zugelassen. Demenstsprechend werden auch internationale Kinofilme vor der Ausstrahlung zensiert. So durfte der Spionagethriller „Lust & Caution“ (Gefahr und Begierde) des taiwanesischen Regisseurs Ang Lee erst in den Kinos gezeigt werden, nachdem Lee 12 anzügliche Minuten aus dem Film geschnitten hatte. Manche behaupten, er habe die Szenen mit Absicht besonders dilettantisch geschnitten, damit die Zensur noch offensichtlicher würde.

Der Film spielte trotzdem Rekordergebnisse ein, doch die Zuschauer reagierten enttäuscht und wütend. Viele luden sich den Film entweder im Internet unzensiert herunter, kauften sich eine Raubkopie oder reisten sogar nach Hongkong, wo der Film unzensiert zu sehen war. Reisebüros verdienten Anfang letzten Jahres nicht schlecht mit organisierten „Lust & Caution“-Gruppenreisen in die chinesische „Sonderverwaltungsregion“. Im Internet wurde wochenlang diskutiert über die zensierten Sexszenen, eine besonders akrobatische Stellung wurde in Diskussionsforen auf den Namen „Büroklammer“ getauft. Insgesamt hat der Film mehr für die sexuelle Aufklärung der Jugendlichen getan als jede Bravo-Ausgabe in Deutschland.

Doch zurück zum Fernsehen. Die Sender, auf denen keine unschuldigen Soaps laufen, setzen auf Glitzer-Entertainment:  kreischende Tanz- oder Rateshows oder Gesangswettbewerbe. Natürlich gibt es auch viel Kungfu und große Pekingoper. Irgendwie bleibe ich bei einer komischen Rateshow hängen, nein, Moment, es ist keine Rateshow, es ist: Wetten dass…? Ein Moderator namens Zhu Jun fragt ein frenetisch klatschendes Publikum: „Xiang taozhan ma?“, wörtlich übersetzt: „Willst Du eine Herausforderung?“, denn Wetten ist in China offiziell verboten. Die Sendung hat mit Gottschalks Schnarchsofa nicht viel gemein, außer den Wetten natürlich, aber sie ist, während in Deutschland die Quoten sinken, in China seit einigen Jahren der absolute Renner. Jeden Sonntag Abend sitzen um 21.15 Uhr 30 bis 50 Millionen Chinesen vor dem Fernseher, um sich die neuesten Wetten anzusehen, bei Open-Air-Sonderausgaben, die auf riesigen Bühnen live ausgestrahlt werden, sehen auch schon mal 100 Millionen zu.

Thomas Gottschalks Bruder Christoph hatte dem ZDF die „Wetten dass…?“-Lizenssrechte für China abgekauft und diese vor fünf Jahren an CCTV abgetreten. Nach Angaben Gottschalks zahlten die Chinesen für die Lizenz nichts, im Gegenzug darf seine Firma Dolce Media exklusiv Werbezeiten und Sponsoringpakete an europäische Firmen verkaufen und vermittelt deutsche, österreichische und schweizerische Wettkandidaten an die Sendung. Angeblich entstand die Idee, „Wetten dass…?“ in China auszustrahlen während der Dreharbeiten zum legendären DHL-Werbespot auf der Chinesischen Mauer.

Ich verstehe nicht viel bis gar nichts, diesmal sind nur chinesische Wettkandidaten dabei, deswegen schalte ich aus, als Tobi gerade von einem Geschäftsessen nach Hause kommt. Er sei schon seit einer Stunde zurück, sagt er, wäre aber noch in ein vertrauliches Gespräch mit Fang verstrickt gewesen. Fang ist in den letzten Wochen regelmäßig zu spät gekommen, und zwar immer mit der gleichen Ausrede: „very much traffic“. Nachdem Tobi am Freitag sogar ein Meeting verpasste, weil Fang mit einer Stunde Verspätung eintrudelte, ist ihm der Kragen geplatzt. Fang, der Tobi so nicht kannte, ist seitdem sehr kleinlaut und offenbar hielt er es für besser, Tobi heute die Wahrheit zu sagen. Fangs Daily Soap geht so:

Seine Freundin, die mit ihm bei seinen Eltern lebt, wünscht sich seit Monaten einen Hund. Fang hasst Hunde, aber weil er wie die meisten Männer in Shanghai ein ausgesprochenes Weichei ist, sind sie vor sechs Wochen zu seinem (!) Geburtstag in einen Pet Shop gegangen und haben Yuki, einen kläffenden Pekinesen gekauft. Wir haben Fang zum Geburtstag einen selbst gebackenen Kuchen, ein Bild von Amélie und einen roten Umschlag mit 500 Yuan geschenkt (etwa 55 Euro). Wie sich jetzt herausstellt, ließ der arme Kerl das gesamte Geld postwendend im Pet Shop. Für eine VIP-Karte für den Köter. Die beinhaltet 10 Hundehaarwäschen samt Kurpackung und Fönfrisur.

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Yuki, der Grund allen Übels

Doch damit nicht genug: Kaum war Yuki zu Hause, bekam sie Haarausfall, Verdauungsprobleme und rote Ohren. Natürlich hatte der Pet Shop Medizin dafür parat: 20 Spirulina-Pillen für 400 Yuan. Sie haben nichts geholfen. Weitaus schwerwiegender ist jedoch ein anderes Problem: Die Hundedame ist nicht stubenrein. Das heißt, sie pinkelt jede Nacht vor oder ins Bett. Und weil Hausarbeit in Shanghai Männersache ist, muss Fang jede Nacht Hundepisse aufwischen oder Bettwäsche wechseln, weshalb er nicht mehr schlafen kann und seit sechs Wochen morgens nicht mehr aus dem Bett kommt. Das ist vor allem deshalb skandalös, weil Fangs Freundin seit vier Monaten nicht arbeitet. Sie hat ihren alten Bürojob gekündigt, weil er ihr nicht mehr gefiel, sich seitdem aber um keinen neuen bemüht. Sie ist der Meinung, in der Wirtschaftskrise Arbeit zu finden, sei sowieso sinnlos.

Tobi ist fassungslos. „Was macht sie dann den ganzen Tag?“ fragt er empört. „Nichts“, sagt Fang. Sie koche und putze nicht, denn das mache ja seine Mutter, aber sie verwalte das Geld. Sein Geld. Er müsse schließlich sparen, um eine Immobilie zu kaufen, denn ohne Immobilie wolle sie ihn nicht heiraten. Immer, wenn er sich etwas kaufen möchte, müsse er seine Freundin um Geld bitten. „Very normal“, sagt Fang, „Shanghai Girls are like this.“ Bei seinen Freunden sei es genauso. Tobi wird aggressiv vor Wut, er möchte Fang am liebsten schütteln und mit ein paar Ohrfeigen zu Verstand und Vernunft bringen, aber es ist zwecklos. Immerhin hat Fang sich für seine Verhältnisse gestern zu einem äußerst drastischen Schritt entschlossen: Am Wochenende schickt er seine Freundin samt Hund für drei Monate zu ihren Eltern, damit er endlich mal wieder schlafen kann. Jetzt ist zu Hause das Drama perfekt. Freundin heult, Hund spuckt, Mutter tobt. Denn wenn die Hochzeit im nächsten Jahr wegen des Köters platzt, wird ihr Sohn schwer vermittelbar. Und die Aussicht auf ein Enkelkind schwindet. Fortsetzung folgt.

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Unsere Nachbarin, hier mit Amélie im letzten Sommer

Unsere Nachbarschaftsvorsteherin hat von unserem Umzug Wind bekommen. Deshalb ergreift sie heute Morgen ihre letzte Chance und springt, gerade als Tobi ins Auto steigt, zu ihm auf den Rücksitz. Ehe Tobi weiß, wie ihm geschieht, blubbert sie auch schon drauflos. Auf Chinesisch, natürlich. Nach einigen zähen Minuten erbarmt sich Fang und sagt: „Ting bu dong.“ (Er versteht nichts.) Das hält die Frau allerdings nicht davon ab, weiter zu reden. Statt dessen bittet sie Fang zu übersetzen. Fang wird erst leichenblass, dann rot im Gesicht und übersetzt stockend: „This lady has a daughter. This lady thinks you are very handsome.“ Sie blubbert weiter. Dass es sehr schade sei, dass er schon eine Frau habe, aber ihre Tochter auch sehr schön sei und gut zu ihm passen würde. Dunkle, glänzende Haare, noch dazu größer und schlanker als ich. Ihre Tochter hätte einen gut bezahlten Job am Flughafen in Pudong, hätte lange in Paris gelebt und spreche fließend Französisch und Englisch. Er werde also keine Kommunikationsprobleme haben. Und sie sei sehr sanftmütig, mit ihr werde er bestimmt nie Streitereien haben. West-Frauen seien, wie sie gehört habe, ja sehr anstrengend. Ob er sie nicht mal treffen wolle? Ganz unverbindlich. Er müsse sie ja nicht gleich heiraten. Für den Fall, dass er mich nicht verlassen wolle, bietet ihm unsere Nachbarin an, könne er vielleicht wenigstens ihrer Tochter einen Freund vorstellen. Er habe doch bestimmt europäische Freunde hier, oder? Ihre Tochter sei zu schlau und zu erfolgreich, damit hätten viele chinesische Männer ein Problem. Außerdem hätte sie ein ausgesprochenes Faible für Langnasen.

Fang ist die Sache sehr unangenehm, Tobi amüsiert sich köstlich. Er kommt extra nochmal zurück ins Haus, hält sich den Bauch vor Lachen und erzählt mir die Geschichte brühwarm. Ich bin sprachlos. Die alte Schlange. Guiling, unsere alte Ayi, hatte also doch Recht gehabt, als sie mir die Gerüchte von der versteckten Tochter erzählte. Grüßt mich dieses verlogene Stück von Nachbarin jeden Morgen wie ein Honigkuchenpferd und versucht bei der nächstbesten Gelegenheit meinen Mann abzwerben! Größer und schlanker als seine jetzige Frau. Ha! Ich werde mich rächen, wenn ich nur wüsste wie.

Vorerst muss ich mich jedoch um unseren Umzug kümmern. Wir haben ein neues Haus in Jing An, gleich hinter der Nanjing Road, gefunden. Es ist sehr hell und sehr hübsch und die Renovierung scheint professionell zu sein. Die Klobrillen, Toilettenspülungen, der Wasserdruck und die Klimaanlagen haben alle Tests bestanden. Das Beste jedoch ist: Wir haben einen Wasserfilter und Radiatoren an den Wänden, also eine richtige Heizung! Das heißt, wir werden wieder weiße Wäsche haben, nicht in braunem Wasser baden und duschen müssen und im Winter nicht mehr frieren.

Gestern habe ich dort eine neue Ayi zum Vorstellungsgespräch getroffen, denn ich habe bechlossen, Xiao Chen zusammen mit dem alten Haus gleich mit auszutauschen. Sie strahlt so eine Kälte und Berechenbarkeit aus, dass es mich jedesmal friert, wenn sie morgens durch die Tür kommt. Ich fange erst wieder an zu kochen, wenn ich über den riesigen Akku ihres Elektrorads gestolpert bin, den sie jeden Tag bei uns im Bad auflädt. Zudem hat Xiao Chen es in vier Monaten geschafft, zwölf weiße Hemden graubraun zu verfärben und Tobis Sport-Shirts dank moderner Trockner-Technik in Puppenklamotten für Amélie zu verwandeln.

Die neue Ayi-Kandidatin, eine Empfehlung einer Kindergartenmutter, ist sehr reizend, ich kann sie sogar mit meinem rudimentären Chinesisch halbwegs verstehen. Und so verstehe ich nach fünf Minuten lächelndem Smalltalk, dass sie in diesem Haus leider nicht arbeiten könne.

„Warum?“

„Wegen der Toilette.“

„Wie bitte?“

„Die Toilette ist gegenüber der Eingangstür.“

„Ja und?“

„Das Qi.“

Ich kenne das Qi, meinen Lebensfluss, noch von Dr. Ge Fu Peis Akupuntursitzungen, aber was hat mein bzw. ihr Lebensfluss mit unserer Gästetoilette zu tun? Also antworte ich sicherheitshalber:

„Ting bu dong.“ Ich verstehe nichts.

„Das gute Qi fließt in die Toilette und wird runtergespült. Danach fließt schlechtes Qi durchs Haus. Schmutziges Qi. Schmutziges Qi im Haus macht alle krank. Ist Feng Shui.“

Na wunderbar. Der Mietvertrag ist unterschrieben und wir haben ein schmutziges Qi im Haus. Glücklicherweise hat Lilly die Lösung für unser Problem. Als ich ihr nachmittags von unserer unglückbringenden Feng-Shui-Toilette erzähle, sagt sie ungerührt: „Don’t worry, häng einfach einen Spiegel auf, der leitet das Qi um.“ Ich liebe den Pragmatismus der Chinesen.

Die Fahrt ins 170 Kilometer entfernte Hangzhou kostet mit dem Schnellzug 5 Euro und dauert etwas mehr als 1 Stunde. Die meisten Fahrgäste haben sicherheitshalber trotzdem Proviant für zwei Tage mitgebracht. Sie lassen ihre mitgebrachten Teebecher am Heißwasserautomaten volllaufen und rascheln mit Keksen und undefinierbaren Snacks in Plastiktüten noch ehe der Zug abgefahren ist. Draußen regnet es. Die Stimmung drinnen ist prächtig. Kekse und Snacks werden im ganzen Abteil herumgereicht, egal ob man sich kennt oder nicht. Der Zug ist so modern und sauber wie ein deutscher ICE, nur die Insassen sind deutlich besser gelaunt. Überhaupt fällt mir in der letzten Zeit erst auf, dass Chinesen ziemlich viel und gern lachen. Entweder brüllen oder lachen sie. Aber meistens lachen sie. Kein Wunder, dass der erste Begriff, der ihnen zu Deutschen einfällt, “serious” ist. 

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“Germans? Too serious!” 

Laut Nachrichtenagentur Xinhua bereitet die chinesische Regierung derzeit den Ausbau der Transrapidstrecke bis nach Hangzhou vor, dann soll die Fahrt nur noch eine halbe Stunde dauern. Bisher gelangt man mit der „Cixuanfulieche“, der Magnetschwebebahn, vom Flughafen Pudong nur 30 Kilometer weit in die Pampa. Der Transrapid ist in Shanghai nicht weniger umstritten als in Deutschland. Anfang letzten Jahres gab es sogar heftige Anwohner- und Bürgerproteste, eine richtige, feine Demonstration. Man möchte es kaum glauben, aber die Menschen, die jeden Tag klaglos Feinstaubmengen jenseits von Gut und Böse einatmen, fürchten vor allem die Umweltbelastungen: gesundheitsschädliche Magnetstrahlungen und Lärmbelästigung. Die Proteste verzögerten den Ausbau bereits immerhin um ein Jahr. Die Regierung hat sich nach internen Streitereien auf folgenden Kurs geeinigt: Plan durchziehen, aber mit Kompromissen. So will man den Anwohnern entgegenkommen und die Streckenführung verändern. Große Teile sollen demnach unterirdisch verlaufen, was den Ausbau mit 46 Millionen Euro pro Kilometer fast doppelt so teuer macht wie ursprünglich geplant.

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Tobi, wo bist du?

Am Bahnhof Hangzhou werden wir von Menschenmassen erschlagen. Ein zähflüssiger Strom schiebt sich die Treppen hinunter, um in ein stockendes Menschenmeer zu münden. Wir sind gefangen. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Nanjing Road an einem Samstag Nachmittag ist ein Dreck dagegen. Erstaunlicherweise bewegt sich die Masse, und wir uns mit ihr. Es ist ein Wunder. Alle sind ruhig, alles scheint völlig normal, und irgendwie kommen wir vorwärts, bis uns der Bahnhof in einer Tiefgarage ausspuckt. Dort wartet das zweite Wunder: ein Arbeitskollege von Wolfgang, der uns netterweise am Hotel absetzt.

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Szene in chinesischer Tiefgarage: Wegfahrsperre selbstgemacht

An der Rezeption bittet uns die Hotelmitarbeiterin, nachdem sie alle Reisepässe von vorne nach hinten und von hinten nach vorne studiert, kopiert und nochmal auf den Kopf gestellt hat, um sie dann doch einzubehalten, mit einem unbeholfenen Lächeln, cash zu bezahlen. 3000 Yuan.

Ich: „Wie bitte?“

Sie: „3000 Yuan. Cash.“

Ich: „Wozu? Das Zimmer kostet doch nur 700 Yuan.“

Sie: „Deposit. For Minibar.“

In unseren Reisepässen muss auf dem Visum ein Vermerk in chinesischen Schriftzeichen stehen: „Alkoholiker“. Ellen diskutiert noch ein bisschen weiter, um ihr Chinesisch zu testen, das deutlich besser ist als meines. Das Ergebnis ist jedoch das Gleiche: Wir zahlen beide. Nach dem Einchecken machen wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Draußen regnet es in Strömen, Amélie hüpft in ihrer Tchibo-Regenjacke mit Isabelle durch die Pfützen. Ich muss an Hamburg denken und schmunzeln. Dort konnte ich sie mit dieser Jacke nie finden, denn 80 Prozent aller Kleinkinder tragen dieselbe, und jedesmal schwor ich mir, nie wieder eine praktische Tchibo-Regenjacke zu kaufen.

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Longjing-Tee-Pflücker

Die Luft ist klar, es riecht nach Regen, frisch gemähtem Gras und Tee. Hangzhou ist berümt für seine Teeplantagen und seinen Longjing Tee. Wir haben Glück: Es ist gerade Erntezeit und überall auf den Straßen sieht man Teepflückerinnen mit Gummistiefeln und Körbchen voller hellgrüner Blätter herumlaufen. Hinter dem Dunst, den Trauerweiden und den blühenden Kirschbäumen kann man die Umrisse des Westsees und der vielen umliegenden Tempel erkennen.

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Es ist großartig. Und die Menschenmassen scheinen verschwunden. Wir steuern auf ein Restaurant mit überdachter Terrasse zu, dessen Tische wie Schlachtfelder aussehen. Ein gutes Zeichen, dachten wir. Zwischen Bergen von geknackten Sonnenblumenkernschalen, Essensresten, Zigaretten, Thermoskannen und mit grünem Gestrüpp gefüllten Teegläsern wird lautstark Karten gespielt. Die Kellner werfen uns einen aufgeschnittenen Müllbeutel über den Tisch und halten Tobi und Wolfgang mit großer Geste die Speisekarten vor die Nase. Sie sind Chinesisch. Keine Bildchen.

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Jetzt fehlen nur noch Lätzchen

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Hunger!

Das ist Wolfgangs großer Moment. Er packt seinen Rucksack aus und zieht wild beschriebene Zettel, die ihm seine Chinesischlehrerin vor der Abreise mitgegeben hat, heraus. Der Kellner sieht ihn mit großen Augen an, schüttelt den Kopf und nickt abwechselnd, Wolfgang murmelt etwas von „lokalen Spezialitäten“, die Zettel werden unter dem Personal herumgereicht, mit vielen „Aahs“ und Ooohs“ bedacht, dann fragt der Kellner nach „Jirou“? Hühnchen? Wolfgang nickt sagt auf Englisch „No bones, please“, denn daran hatte seine Lehrerin nicht gedacht, und klopft mit den Fingerknöcheln seine Unterarme ab. Sicherheitshalber malt er dem Kellner noch ein Bildchen zur Verdeutlichung auf: 

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Der Kellner nickt und kichert und lacht und bringt: ein ganzes Hühnchen im Tontopf. In der Suppe schwimmen Kopf, Füße und jede Menge Knochen. Wir essen es trotzdem und bestellen zum Runterspülen vier Becher Lonjing Tee.

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Die Teeblätter schwimmen in China immer im Glas herum, man isst beim Trinken jedesmal die Hälfte der Blätter mit oder spuckt sie aus. Der Tee schmeckt bitter, aber man gewöhnt sich dran. Zum Abschluss bringt der Kellner den feierlichen Höhepunkt: die Rechnung. 150 Yuan für drei Becher Tee. Nach Auskunft unserer Tischnachbarn hat er uns einen fünffachen Langnasen-Aufschlag berechnet. Dumm gelaufen, den zwei- oder dreifachen hätten wir bestimmt nicht gemerkt. Wir ziehen den Deppenaufschlag ab und überreichen ihm ein Fünftel der Summe. Er nimmt es an mit einem Schulterzucken und den Worten: „Wu jiang bu shang.“ Ohne Beschiss kein Business.

Mit stolz geschwellter Brust laufen wir zum Westsee-Ufer. Und siehe da, dort sind sie: die Menschen aus dem Bahnhof. Diesmal haben sie sich in Grüppchen aufgeteilt, tragen rote, karierte und blaue Hütchen, Anstecknadeln und Fähnchen.

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Idyllischer Sonntagsspaziergang am Westsee

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Klassenfahrt oder Militärlager?

Die Reiseführer trampeln den Pfad vor ihnen frei, ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist eine Mischung aus Klassenfahrt und Militärlager. Der See ist wirklich hübsch und sehr romantisch in diesem Nebel, aber wir haben keine Zeit, ihn anzusehen, denn wir müssen Amélie und Isabelle retten. Sie sind von kreischenden Chinesen mit blitzenden Fotoapparaten umzingelt.

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Hello, Beeby, Foto, Beeeby, Foto please?!

Zu allem Unglück verirren wir uns auf dem Rückweg noch. Der Versuch, ein Taxi zu bekommen, ist natürlich utopisch, also laufen wir planlos drei Stunden durch den Regen, mit zwei maulenden Kindern im Schlepptau, bis wir endlich das Hotel entdecken. Erschöpft bestellen wir an der Hotelbar Käsekuchen und Alkohol, glücklich, im Trockenen zu sein und das Workout gemeistert zu haben. Wir schlafen von halb zehn Uhr abends bis acht Uhr morgens wie die Engel. Ganz im Gegensatz zu Wolfgang un Ellen. Sie hatten die Rechnung auf ihre Zimmernummer schreiben lassen. Nachts um zwölf fiel der Rezeptionistin auf, dass Zimmer 2608 den bezahlten Vorschuss gesprengt hatte - und stellte die Zimmergäste sofort zur Rede. Anweisung ist Anweisung. Und China ist China.

Der nächste Tag versöhnt mit allem: Die Sonne scheint, wir schaffen es nach drei Stunden Wartezeit, einer Prügelei und einem Zwischenfall mit der Polizei das öffentliche Leihfahrradsystem zu benutzen und radeln durch fast menschenleere Teeplantagen, durch kunstvolle Gärten, zu idyllischen Bier- bzw. Teegärten, zu komplett überfüllten Tempeln und wieder zurück. Machen Teeproben, knacken Sonneblumenkerne, laufen durch Bambuswald und sehen den Chiesen beim Mahjangg pielen zu. Es ist sogar so schön, dass wir beschließen, schnell wieder zu kommen. 

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Geschafft: Leihfahrradsystem geknackt

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Chinesischer Biergarten

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Biergarten, Seitenansicht

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Chinesischer Garten ohne Bier

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Teeprobe: Riech mal!

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Wir kommen wieder!

Seit vorgestern verkauft unser Alleshändler und Zwei-Quadratmeter-Baumarkt um die Ecke lustige Bastelbögen. Man kann Häuser, Schaukelstühle, Autos und alles Mögliche daraus falten und kleben. Amélie liebt diese Teile, wir haben bereits ein Laptop, ein Handy, einen Porsche und ein Fitness-Laufbandgerät aus Pappe erfolgreich zusammengebaut.

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Auswahl der Pappbastelbögen: Stuhl, Laufband, Billardtisch

Als Lilly gestern mit Chanel zu uns nach Hause kam und den beachtlichen Bastelberg sah, fragte sie erstaunt:

„Oh, geht Ihr am Sonntag auch Gräber putzen?“

„Welche Gräber?“

„Die Eurer Vorfahren.“

Stille.

Lilly will mir auf die Sprünge helfen und sagt bedeutungsschwanger: „Qingming.“

Ich verstehe nur Bahnhof. Lilly ist die Sache nun peinlich, sie stammelt irgendetwas von Opfergaben und will das Thema wechseln. Qingming, Qingming. Mir geht ein Licht auf: Qing Ming. Helles Licht. Natürlich! Totensonntag! Die Pappmöbel und -Häuser sind kein Kinderspielzeug, sondern zum Verbrennen auf dem Friedhof gedacht.

All die Papier-Handys (90 Cent), -Billardtische (2,80 Euro), -Gebisse (1,50 Euro) und –Chanel-It-Bags (2 Euro), die man kaufen kann, sollen den Vorfahren im Jenseits zur Verfügung stehen, erklärt Lilly, vor allem aber sollen sie sie freundlich stimmen gegenüber ihren lebenden Nachfahren, deren Geschicke sie leiten. Deswegen werden fleißig Grabsteine und Urnenplatten gefegt, dazu werden Obst, Blumen, Kuchen oder Ingwerbonbons niedergelegt – was auch immer der Großvater oder –onkel zu Lebzeiten gern hatte und jetzt vielleicht gebrauchen könnte. Nach der Begrüßungsfrage „Hast du schon gegessen?“ werden zwei Münzen geworfen. Landet eine auf Kopf und die andere auf Zahl, hat der Grabbewohner Hunger und die Leibspeise wird ausgepackt. Für Chanels Urgroßtante wird es saure Hühnchenwürfel mit Erdnüssen geben, erklärt Lilly. Dazu wird jede Menge Goldpapier und Papiergeld verbrannt, denn das Leben dort oben (oder unten) scheint nicht billig zu sein. Lillys Familie hat einen großen Reisebus gemietet, um alle Angehörigen von Friedhof zu Friedhof, von Urahn zu Urahn kutschieren zu können. Wer nicht mitputzt, läuft Gefahr, den Groll der Verwandtschaft im Jenseits auf sich zu ziehen und ein beleidigter toter Großonkel bringt offenbar noch mehr Unglück als eine Telefonnummer mit vielen Vierern.

Am nächsten Tag fährt uns Fang zum Bahnhof. Da der chinesische Staat seinen Bürgern nach dem Putzsonntag einen freien Montag spendiert, wollen wir das verlängerte Wochenende nutzen und mit unseren Freunden, den Humbecks, ins benachbarte Hangzhou fahren. Man sagt: eine der schönsten Städte Chinas, gelegen an einem romantischen Westsee, umringt von Teeplantagen. In den Zeitungen haben sie in den vergangenen Tagen Reisewarnungen gedruckt, es wird mit 2 bis 3 Millionen Stadtbewohnern gerechnet, die sich wie Lillys Familie auf den Weg zu den umliegenden Friedöhfen in Suzhou, Ningbo und Shaoxing machen. Zwar gilt es in China traditionell als wichtig, in seinem Heimatort begraben zu werden, da man angeblich nur dort Seelenruhe und Glück findet, doch nur die wenigsten Shanghainesen finden ihre letzte Ruhestätte in Shanghai selbst. Das hat mehrere Gründe: Erstens: Platzmangel. Von den gerade mal 5 Quadratkilometern Friedhofsfläche der Stadt (entspricht etwa dem Gelände der EXPO 2010) sind weniger als 5000 Quadratmeter unbelegt. Zweitens: Geld. Die Grundstückspreise für Urnen und Gräber sind ähnlich unerschwinglich wie die für andere Immobilien. Drittens: Feng Shui. Damit die verstorbenen Verwandten glücklich ruhen können, brauchen sie eine optimal gelegene und ausgestattete Ruhestätte. Sie muss zur günstigsten Himmelsrichtung hin ausgelegt sein (in der Regel Süden) und möglichst an einem schattigen Pinienhügel liegt, damit die größtmögliche kosmische Energie fließen kann.

Tatasächlich nahm das Feng Shui, die alte asiatische Lehre vom Leben und Wohnen in Harmonie mit der Umgebung, seine Anfänge nicht, wie man vielleicht denken könnte, in den Kaiserpalästen, sondern bei der Suche nach dem optimalen Grab. Man wählte ein ideales Grundstück, das ideale Datum und gestaltete den Grabstein nach komplizierten Regeln (etwa nach dem Yin-Yang-Grundsatz mit Licht- und Schattenspielen, hohen und niedrigen Elementen usw.) Das Paradebeispiel für eine fengshui-technisch gelungene Grabstätte ist das vor 2200 Jahren erbaute Mausoleum des ersten Kaisers der Qing-Dynastie in Xi’An, das von der berühmten Tonkriegerarmee bewacht wird.

Wer seinen Ahnen keine 8000 tönernen Grabwächter spendiert, wird, verglichen mit dem Einkommen, bei einem Begräbnis trotzdem ein kleines Vermögen los. Das fängt bei der Reinigung des Leichnams an (35 Euro), für Maniküre und Pediküre werden 20 Euro fällig, fürs Aufbahren weitere 70 Euro. Ein Urnenplatz am Friedhof (Erdbestattungen und die dazugehörigen Gräber sind kaum bezahlbar) schlägt mit circa 1000 Euro zu Buche, Krematoriumskosten exklusive. Die Bestattungsindustrie ist eine der lukrativsten in China. Lou Zhongli, ein Mitglied der Regierung, bechwerte sich in einer Tageszeitung bereits öffentlich über die Abzockermethoden der Branche: „Gräber können teurer als Häuser sein und Bauherren fahren mit der Konstruktion von Friedhöfen deutlich höhere Gewinne ein als mit gewöhnlichen Immobilien.“

Die übliche Praxis geht so: Ein Investor kauft einem örtlichen Komittee ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück für 30.000 Euro ab und errichtet einen Friedhof. Davon kann er schätzungsweise 500 Gräber à 1000 Euro verkaufen, macht 500.000 Euro – steuerfrei, denn Friedhöfe sind in China eine steuerfreie Oase. Der Gewinn ist also enorm. So enorm, dass die Bestattungsindustrie für viele arbeitssuchende Universitätsabgänger immer begehrter wird. Vergangenen März hielt das „Shanghai Funeral Service Center“ eine Jobmesse ab, bei der sich 5000 Studenten um 400 Jobs wie Grabarchitekten, Leichen-Make-up-Künstler, Sargverkäufer usw. rissen. Welche Branche kann schon mitten in der Finanzkrise Gehälter zwischen 300 und 1500 Euro garantieren?

Fang setzt uns zusammen mit 100 Taxifahrgästen an der South Railway Station ab. Zum Glück hat er Zeit und muss keine Gräber putzen. Er erledige das seit ein paar Jahren im Internet, erklärt er uns auf der Fahrt. Um das Verkehrsaufkommen an Qingming zu reduzieren, ermutigt die Regierung die Bürger, ihren Ahnen, wenn möglich, online Ehre zu erweisen. Die Kommunistische Partei hat zu diesem Zweck extra eine Internetseite eingerichtet, auf der man gefallenen Revolutionshelden Respekt zollen kann, ohne ihre Gräber besuchen zu müssen (www.wenming.cn/wmdjr/qm.htm). Kurz nach Launch der Seite hatte sie bereits über 2 Millionen Besucher.

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South Railway Station

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Beim Warten auf den Zug …

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… hilft ein Heidi-Sandwich (”cured beef, edamer, rocket & tomato”)

Der Bahnhof ist beeindruckend neu, sehr sauber und überraschend gut organisiert. Die Luft ist stickig und schmeckt nach Rauch. Kein Wunder, die „Shanghai Daily“ hatte vor einem stark erhöhten Air Pollution Index an diesem Wochenende gewarnt, die vielen Friedhofslagerfeuer hinterlassen eben Spuren. Tobis Mitarbeiter Simon zum Beispiel, erzählt Tobi im Zug, hat seinem Großvater mütterlicherseits ein sechsstöckiges Haus aus Pappe gebastelt, das er ihm anzünden will. Bei einer Runde Tibet-Quellwasser, das die Fahrkartenwärterin jedem zahlenden Fahrgast spendiert, fragen wir uns, ob man sich im Jenseits mit Untervermietung wohl ein paar Goldblättchen dazu verdienen kann. Simons Großvater väterlicherseits jedenfalls, berichtet Tobi, ginge dieses Jahr leer aus. Der habe letztes Jahr schon ein Haus bekommen.

Zwischen Tobi und Simon hat sich in den letzten Monaten eine, naja, nennen wir es entspannte Kumpelhaftigkeit angebahnt. Simon ist 28, trägt die Haare nach oben aufgestellt, hat vor einem knappen Jahr sein Traineeprogramm abgeschlossen und wird in der Firma als so genanntes High Potential gehandelt. Tobi findet, er würde täglich aufgeschlossener und könne allmählich sogar über West-Sarkasmus und ironische Bemerkungen lachen, was für Chinesen nicht selbstverständlich ist. Offenbar hat Simon in den neun Monaten der Zusammenarbeit so viel Selbstvertrauen gefunden, dass er es letzte Woche für einen geeigneten Zeitpunkt hielt, seinen Chef um einen Gefallen zu bitten:

„Tobias, würde es dir etwas ausmachen, meinen Namen richtig auszusprechen?“

Tobi: „Nein, nein, was mache ich denn falsch?“

Simon: „Cao. Ich heiße Simon Cao. T-S-A-O.“

Tobi: „T-S-A-O.“

Simon: „Du hast es schon wieder gesagt. Fuck.“

Tobi: „Warum Fuck?

Simon: „So wie du es aussprichst, heißt es auf Chinesisch Fuck.“

Tobi: „Du meinst, ich nenne dich seit neun Monaten Simon Fuck?

Simon: „Ja. Simon Fuck.“

Wir stoßen an, auf Simon, auf die Töne und auf unseren Urlaub. Und Tobi gelobt bei einem kräftigen Schluck Tibet-Quelle feierlich seine Chinesischstunden wieder aufzunehmen.

Ich habe eine neue Chinesischlehrerin: Xuli (ausgesprochen wie Julie auf Französisch). Sie kommt aus Suzhou, einem Vorort von Shanghai, hat ihr Studium fast beendet, trägt eine altmodische Brille, hält nichts von Nasenoperationen, liest gern “verbotene”, regimekritische Bücher auf Englisch (aktuell: “Wild Swans”), trinkt jeden Abend ein Gläschen ausländischen Rotwein, aber nur eins und nur, wenn sie allein zu Hause ist, lässt sich keine Pizza nach Hause liefern, weil sie keine Fremden in ihrer Wohnung erträgt, mag Caffelatte und Gemüse-Dumplings, keine dicken Kinder, keine Shanghai-Männer (“zu weich”) und keine ausländischen Männer (“keine Haare auf dem Kopf, dafür umso mehr auf dem Rest des Körpers”), keine Shanghai-Frauen (“zu geldgeil”) und spielt Tennis. Das alles hat sie mir in unserer ersten Stunde erzählt. In unserer zweiten Stunde konnte sie kaum sprechen, denn da hat sie ununterbrochen geweint.

Auf dem Weg von der Uni zu unserem Haus hat sich ein Kommilitone von ihr, der direkt neben ihr auf dem Bahnsteig stand, vor die U-Bahn geworfen. Er war sofort tot und sie hat es aus zwei Metern Entfernung live mit angesehen. Ich stelle ihr unseren chinesischen Drachenkopfpapiertaschentuchspender auf den Tisch.

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Was macht man mit einer Rotz und Wasser heulenden Chinesischlehrerin?

Sie schneuzt wie ein Babyelefant in mindestens 50 Tücher und schluchzt: „Alles nur, weil heute der 1. April ist.“ Ich finde das eine äußerst seltsame Art von Aprilscherz, aber sie schneuzt und winkt ab und weint weiter. Ich weiß nicht, was ich mit dem armen Mädchen tun soll, stelle ihr ein Glas heißes Wasser hin, gebe ihr Schokolade und lasse sie ein bisschen weiterweinen. Nach einer halben Stunde scheint sie sich zu fangen und erklärt mir, was es mit dem 1. April in China auf sich hat:

Vor sechs Jahren stürzte sich der Sänger und Schauspieler Leslie Cheung mit 46 Jahren aus dem Fenster des Hongkonger Mandarin Oriental Hotels. Er war und ist einer der beliebtesten Sänger und Schauspieler in China, noch dazu schwul oder zumindest bisexuell, woraus er auch nie einen Hehl machte. Millionen Chinesen verehren ihn bis heute. Und das offenbar bis in den Tod. Herr Cheung hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er seine Depression als Grund angab und seiner Familie, seinem Psychiater und Mr. Tong, seinem Freund, dankte. Seitdem bringen sich seine Fans am liebsten am 1. April um, um es ihrem Idol gleichzutun.

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Leslie Cheung auf einem alten Magazincover

Unter jungen Chinesen ist Selbstmord inzwischen die Todesursache Nummer 1, mehr Menschen geben ihr Leben freiwillig als dass sie es durch Unfälle verlieren. In Zahlen ausgedrückt: 300.000 Menschen begehen jedes Jahr in China Selbstmord, das sind mehr als doppelt so viele wie in allen westlichen Industrienationen zusammen. Letzten Schätzungen der WHO zufolge führt China dicht gefolgt von Japan die traurige Suizidrangliste an: 99 von 100.000 Menschen bringen sich jährlich um, in Indien sind es 98.

Die harmonische Gesellschaft, die die Kommunistische Partei als Ziel ihrer Politik herausgibt, hat mit dem rasanten Wachstum der letzten Jahre zunehmend Brüche erlitten. Chinesische  Sozialwissenschaftler sprechen von einer Gesellschaft, die vom Tempo der Veränderungen überfordert und mit ihren Ängsten vor Arbeitslosigkeit, zerbrochenen Sozialbeziehungen, Krankheit oder Einsamkeit allein gelassen wird. Peking hat lange versucht, das Problem zu ignorieren, doch in letzter Zeit nimmt man sich ihm zaghaft an. Die „Chinesische Gesellschaft für mentale Gesundheit“ fertigte bereits diverse Suizid-Studien an, die Gründe, die immer wieder angeführt werden, sind: Leistungs- und Prüfungsdruck sowie schulische Überforderung. In den Städten kommt die Ein-Kind-Politik hinzu, mehr als die Hälfte der Einzelkinder geben an, unter Einsamkeit und dem Gefühl der Verlasssenheit zu leiden. Auf dem Land bringen sich hauptsächlich junge Bäuerinnen um, die Verlierer der Wirtschaftsreform. Für sie ist es ein Leichtes, sich das Leben zu nehmen. Steht doch in jedem Schuppen ein Döschen hochgiftiges Pflanzenschutzmittel oder zumindest Rattengift.

„Er war immer sehr still“, erinnert sich Xulie an ihren Kommilitonen, den sie nur flüchtig kannte. „Und er war einer der besten. Er hat Tag und Nacht gelernt, er wollte etwas Besonderes werden.“ Man habe gemunkelt, seine Eltern könnten die hohen Studiengebühren nicht mehr zahlen. Der Tod war offenbar die letzte Möglichkeit, sein Gesicht zu bewahren.

Etwas Besonderes zu werden ist das Hauptziel jedes chinesischen Studenten bzw. dessen Eltern. Mittelmaß ist von Haus aus verboten, denn damit kann man im Reich der Mitte nicht überleben. Zu groß oder vielmehr zu zahlreich ist die Konkurrenz. Ich muss an das Elterngespräch denken, das letzte Woche im Kindergarten stattfand. Ein schwedischer Vater aus der Honeybee-Gruppe beschwerte sich, dass das Leistungsniveau des Kindergartens zu niedrig sei, der Anschluss an die Erstklässler der meisten internationalen Schulen in Shanghai sei kaum zu schaffen. Ich war bisher eigentlich eher vom genauen Gegenteil überzeugt: In Amélies deutschem Kindergarten pauken sie mit Dreijährigen weder das ABC noch das Zählen bis 100 auf Chinesisch und Englisch. Doch da die meisten internationalen Schulen größtenteils von reichen Local Kids besucht werden, haben sich die Schulleiter den aufgebrachten chinesischen Eltern offenbar teilweise angepasst: Das vorausgesetzte Wissen sowie das Lernpensum sind im Vergleich zu Westländern, ganz zu schweigen von PISA-Versager Deutschland, unfassbar hoch.

Das Leben eines Chinesen aus gutem Elternhaus ist bereits ab dem Krabbelalter straff durchorganisiert. Alles, was zählt, ist Lernen, Lernen, Lernen. Die Eltern geben für die Ausbildung schließlich einen beträchtlichen Teil ihres Gehalts aus. In manchen Kindergärten müssen Zweijährige bereits alle Zahlen bis 199 auf Englisch und Chinesisch vorbeten; Dreijährige üben Schriftzeichen, Englisch und Mathematik. Es gibt einen berühmten Kinderarzt in China, Cheng Yue, der im ganzen Land 150 Lernfabriken für Kleinkinder betreibt. In einem Interview sagte er: „Ich bin davon überzeugt, dass frühes Lernen die Zellen- und Nervenbindungen festigt. Das erhöht die Effektivität des Gehrins für das ganze spätere Leben.“ Ich frage mich nur: Wann dürfen Kinder dann Kinder sein? Ein weiteres Mal bin ich sehr froh, dass wir den chaotischsten aller Shanghaier Kindergärten gewählt haben. Amélie wird wohl ohne Kenntnis chinesischer Schriftzeichen eingeschult werden. Und ihre Mutter ohne Kenntnis der chinesischen Sprache nach Hause zurückkehren. Ich stehe mit Hanyu (Chinesisch) immer noch auf Kriegsfuß. Auch heute wird sich daran nichts ändern, wir kommen nicht zum Unterricht. Immerhin lerne ich ein neues Wort: Si. Tod. So kurz. Und so nah.

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Happy Birthday!

img_1634Amélie hat um ein Haar ihren eigenen Geburtstag verschlafen. Sie ist jetzt 4 Jahre alt. Manchmal, wenn das Fahrrad mit ihr hintendrauf bedenklich wackelt, kann ich es kaum glauben, dass ich schon so ein großes Mädchen spazieren fahre, oder besser so einen großen Klugscheißer, der inzwischen fließend englisch spricht und sogar meine chinesische Aussprache verbessert. Sollten uns also nach drei Jahren China alle Haare ausfallen und die Lungen schwarz sein – wenigstens hat es sich dafür schon gelohnt. Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen, wie wir den Kindergeburtstag feiern sollen: deutsch und muckelig in unserem Wohnzimmer, in dem die Schimmelpilze blühen, die Wasserpumpe röhrt und der Putz von den Wänden fällt oder auf Expat-Art: outgesourct in einem Kinderparadies. Amélie wollte unbedingt „im Restaurant“ feiern, so wie all ihre Kindergartenfreunde. Also haben wir beschlossen, die Dinge zu nehmen, wie sie sind und das Beste daraus zu machen. Wir sind Ausländer in China, also feiern wir auch so.

Das „O’Malley’s“ ist ein dunkles, verrauchtes Irish Pub, nicht gerade der schönste Ort für Topfschlagen, Luftballontanz und Eierlauf mit Vierjährigen. Es hat jedoch einen unbezahlbaren Vorteil: einen Garten mit einer Wiese, einer Rutsche und einer Hüpfburg. Und dazu 1A-Pommes. Das Kindergeburtstagsprogramm ist hier kommerziell durchorganisiert. Man kann zwischen verschiedenen Motti wählen („Princess & Prince“, „Waterworld“, „Pirates“ etc.), passende Sahnetorten bestellen, chinesische Entertainer und Facepainter dazu, Goodie-Bags zum Mitnehmen, Volldekoration und ein Drei-Gänge-Kindermenü. Auf Wunsch verschicken sie sogar vorgedruckte Einladungskarten.

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O’Malley’s Kindergeburtstagsbroschüre

Ich versuche der entgeisterten indischen Managerin klar zu machen, dass wir die Spiele, die Torte, die Goodie-Bags und die Einladungen lieber selbst machen würden und gern nur essen und hüpfen würden, aber sie wackelt die ganze Zeit mit ihrem Kopf. Dieses indische Kopfwackeln, das man als Ja, Nein oder Vielleicht deuten kann. Am Ende einigen wir uns auf ein abgespecktes Paket: ohne Torte, ohne Animateure, dafür mit Facepainter und „Princess & Prince“-Deko.

Wir basteln mit viel Liebe und Kleber Einladungskarten und schicken sie an Amélies Freunde. Als wir Chanel ihre Karte überreichen, sagt ihre Mutter Lilly zu mir: „Oh, der 21. März.“ Dann überlegt sie kurz und fragt: „Könnte Chanel noch zehn oder fünfzehn Kinder dazu einladen und gleich mitfeiern? Sie hat ja zehn Tage später auch Geburtstag.“ Diesmal bin ich es, die entgeistert guckt. Lilly erklärt mir, dass es ihr ganz egal sei, ob die Party vor oder nach Chanels Geburtstag stattfinde, Hauptsache am 21., denn das sei nach dem Mondkalender der glückbringendste Tag des Monats. Ich würde sie gern fragen, ob der Mond an diesem Tag auch Reichtum bringt, denn den könnten wir auch gut gebrauchen, aber ich bin immer noch sprachlos. Ich mag Lilly inzwischen ganz gern, sie ist, wenn man sie erstmal kennen und deuten gelernt hat, zeimlich aufgeschlossen und unkompliziert. Amélie und Chanel haben regelmäßige Playdates und neulich war Amélie sogar zum ersten Mal bei Chanel zu Hause. Wie soll ich ihr nun also diplomatisch beibringen, dass ich es für keine gute Idee halte, dass Tobi und ich 25 Kinder bespaßen? Ich muss sehr dämlich geguckt haben, denn Lilly sagt:

„Keine Sorge, ich bestelle natürlich noch zwei Kinderanimateure mehr dazu.“

„Lilly, es tut mir leid, weißt du, Tobi und ich, wir machen die Spiele und die Torte selbst und für so viele Kinder …“

„Ihr macht was?“

„Wir machen es selbst. Ohne Animateure.“

„Warum?“

„Weil wir deutsch sind.“

„Seid Ihr verrückt?“

„Wahrscheinlich.“

Lilly hält sich den Bauch vor Lachen, Tränen kullern ihr über die Wangen. Ich habe sie noch nie so herzerfrischend lachen sehen. Dann trocknet sie ihre Tränen, klopft mir beruhigend auf die Schulter und sagt: „Kein Problem. Dann laden wir keine Kinder dazu ein und ich bringe nur eine Torte für Chanel mit, okay?“ Dann ist sie weg.

Am  Tag, an dem der Mond uns Glück bringen soll, werden wir von einem Gewitter geweckt. Es regnet in Strömen. Tobi und ich sehen uns an und wissen beide, was uns bevorsteht: ein Kindergeburtstag im verräucherten Irish Pub ohne Tageslicht. Doch das ist nur ein Teil der Katastrophe. Jemand hat uns den Gashahn abgedreht. Das bedeutet: kalt duschen, kein Kaffe und keine gekochten Eier für den Eierlauf. Tobi und ich verdächtigen sofort unsere Vermieterin,  die uns und die Hausverwalterin seit Kündigung unseres Mietvertrags mit wutentbrannten Anrufen terrorisiert. Der Immobilienmarkt ist in Shanghai, wie auch im Rest der Welt drastisch eingebrochen, die Mieten sind um 30 bis 40 Prozent gefallen, aber das Schlimmste ist: Es werden massenweise Expats nach Hause geschickt, aber keine neuen kommen nach. Die Chancen, unser Haus weiterzuvermieten, liegen also bei Null. Mein Mitleid hält sich in Grenzen, ich muss zugeben: Ich gönne es dieser geizigen Kuh von ganzem Herzen.

Bepackt mit Ghettoblaster, Luftballons, rohen Eiern, Torte, Goodie-Bags, Gummibärchen und Marshmallows machen wir uns im strömenden Regen auf den Weg zum O’Malley’s. Die indische Managerin ist nirgends zu sehen, dafür haben ihre Mitarbeiter im kahlen, ungeheizten Wintergarten ein dreckiges, liebloses Plakat aufgehängt, auf dem steht: „HAPPY BIRTHDAY AMILLY!“ Darunter kleben drei Luftballons und ein Aufkleber mit einer Prinzessin, die einen Prinz küsst. Ich sehe auf die Uhr: 10.40 Uhr, in 20 Minuten kommen die Gäste. Also rausche ich zum Tresen und frage nach, wann sie gedenken, mit der Dekoration anzufangen. Der Kellner antwortet: „Schon fertig“ und deutet auf das Plakat mit dem Aufkleber. Ich sehe mich um. Der Raum ist mehr als trostlos, außer kahlen Bierbänken, einer Dartscheibe und einem Buffettisch mit zwei Wärmeplatten steht nichts darin. Ich baue mich vor dem Tresen auf und sage: „Cannot.“ Gefolgt von der einzig effektiven Waffe in solchen Situationen: einem entrüsteten Langnasen-Auftritt im Kolonialstil („Das akzeptiere ich nicht, ich will die Managerin sprechen, das ist keine Dekoration, das ist ein Haufen Mist, ich werde keinen Cent dafür zahlen. Bei uns in Europa …“ und so weiter und so fort).

Sofort eilen drei Kellnerinnen herbei, die weiße Decken über die Tische werfen, eine bunte Girlande aufhängen und Tobi, der vom vielen Luftballonaufblasen schon blau angelaufen ist, eine Luftpumpe bringen. Wir werfen hektisch Gummibärchen und Smarties auf die Tische und hängen alle zur Verfügung stehenden Ballons auf. Um punkt elf sitzen wir schwer atmend auf der Bank und blicken erwartungsvoll auf die Tür. Es kommen: Amélies deutsche Freunde Isabelle und Henri samt Eltern. Dann: kein Schwein. Wir warten und warten, Amélie und Isabelle lassen sich von der bestellten Facepainterin die Nägel gelb lackieren und Blumen auf die Hände malen, Henri ist mit der Schokotorte beschäftigt und Isabelles Vater zischt mit Tobi aus Verzweiflung bereits das erste Guinness. Der Regen plätschert konstant gegen die Fensterscheiben, es ist ein Grauen. Tobi raunt mir zu: “Das ist das letzte Mal, dass wir so einen Scheißgeburtstag organisieren!”

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Immerhin: Isabelle, Amélie und  die Facepainterin kommen auf ihre Kosten

Um kurz vor 12 trudeln die beiden Dänen Amanda und Magnus ein, David, der Amerikaner, danach der kleine Italiener Tommaso, Amélies französischer Verehrer Victor und als letzte eine völlig verheulte Chanel mit Lilly. Ohne Torte. Die Konditorei habe so schnell keine hinbekommen, erzählt Lilly. Die Kinder massakrieren inzwischen die Schokotorte,  die Eltern stehen mit Kaffeebechern frierend in der Gegend herum, dazu: gequälter Smalltalk. 

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Chanel und Lilly ohne Torte

Als es nicht mehr trostloser werden kann, geschieht ein Wunder. Das Wunder des 21. März. Die Sonne kommt. Lilly lächelt, legt einen Arm um mich und sagt: „Siehst du? Der Mond hält seine Versprechen.“ Ich lege meinen Arm auch um sie und flüstere leise: “Danke, Mond.”  Zeitgleich kommt die indische Managerin und bringt Pommes und Pizza. Aber da sind schon alle Kinder auf der Hüpfburg und quietschen vor Vergnügen. Tatsächlich wurde es der beste Kindergeburtstag, den wir je hatten.

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Amélie und Tommaso beim Eierlauf. Rechts: Magnus, der Sieger

Gerade ist mir beim Aufräumen die Plastikrose mit aufklappbarem Blütenkopf in die Hände gefallen, die Tobi mir am Valentinstag schenken musste. Richtig: Er musste. Darin ist eine Schlitz-Vorrichtung, die eigentlich für einen Ring vorgesehen ist. Das mit dem Valentinstag war nämlich so: Ich hätte ihn wie jedes Jahr komplett vergessen, wenn nicht die Blumen, die ich in meinem Lieblingsblumenladen holte, plötzlich das Fünffache gekostet hätten. Ich fragte die Verkäuferin, warum sie die Lotusblüten auf einmal zu 5 Euro statt zu einem wie letzte Woche verkaufe, ihre Antwort: Heute sei Lover’s Day, da seien Blumen teurer. Logisch, wir sind ja in der Hauptstadt des Kapitalismus, die Nachfrage bestimmt den Preis.

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Wucherware für einen Tag

Zwar haben die Chinesen eigentlich einen eigenen „Valentinstag“, der „Qixi“ heißt und am siebten Tag des siebten Mondmonats gefeiert wird. Doch westliche Feiertage sind nunmal moderner und schicker. Jeder Mann in Shanghai, der unter 30 ist und eine Freundin hat, reserviert an diesem Tag einen Tisch in einem angesagten Restaurant und kauft einen Haufen Blumen, möglichst Rosen und möglichst einzeln verpackt, in der Lieblingsfarbe seiner Freundin. Was zur Folge hat, dass die Straßen voll sind mit rosaroten Wickeltechnikwundern aus Tüll und Krepppapier, in denen rosa Blumen versteckt sind. Es gibt auch die Strauß-Variationen: rosa Miniteddybären, rosa Marzipanrosen oder Schokoladenbonbons in rosa Glitzerpapier. Selbst Fang hat an diesem Abend einen Tisch im Pizzahut reserviert und seiner Freundin immerhin eine Tafel West-Schokolade gekauft.

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Traditionelle chinesische Valentinstagsgeschenke

Tobi und ich beschließen, zum Sushi-Restaurant um die Ecke zu gehen. „Macht 80 RMB“, sagt die Dame am Telefon.

„Wie bitte?“        

„Heute ist Valentinstag.“

„Ich weiß, ich würde aber gern nur einen Tisch reservieren.“

„Heute gibt es nur Tische mit Blumenstrauß, kostet 80 RMB.“

„Was für Blumen?“

„Rosa.“

„Ich mag aber keine rosa Blumen.“

„Keine Blumen, keine Reservierung.“

 

Ich gebe mich geschlagen. Am Eingang des Restaurants hängt ein riesiges Herz aus Rosenblättern, aus den Lautsprechern dudelt, wir können es kaum glauben, Sarah Connor. An der Rezeption wird Tobi aufgefordert, die 80 RMB zu bezahlen, dann knallt die Empfangsdame einen in Zeitungspapier gewickelten, halb verwelkten Blumenstrauß auf den Tresen und sagt: “Extra order, white Flowers”. Auf jedem zweiten Stuhl im Restaurant liegt auch so ein Zeitungspapiertütchen. Ich bitte die Kellnerin, mir etwas Wasser für die Blumen zu bringen, damit wir sie wenigstens auf den Tisch stellen können, aber die Antwort hätte ich mir auch selbst geben können: „Cannot.“ Gefolgt von: „Waitamoment“. Gerade als Tobi von der Bar mit einem großen Wasserglas zurück kommt, bringt sie einen blauen Plastikeimer mit Wasser. 

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Tobi vor halb verwelktem Valentinsstrauß

Es gibt ein „Special V-Day Menu“ bestehend aus „Fatty Tuna Sushi“ und „Amore“-Wein aus Italien. Dazu die erwähnte Plastikrose, in der der Mann romantischerweise einen Ring verstecken sollte. Wahrscheinlich hätte man den auch gleich mit vorbestellen können. Draußen vor dem Restaurant sehen wir durchs Fenster Pärchenschlangen stehen, die offenbar keinen verwelkten Blumenstrauß reservieren wollten. Sie warten geduldig, die Frauen sind enorm herausgeputzt, fast alle tragen riesige Teddybären oder aufwändige Blumenarrangements, die meisten Männer weiße Anzüge mit rosa Hemden. Was für ein Anblick! Am Nebentisch sitzt ein Amerikaner mit Woody-Allen-Brille und einer hübschen Chinesin, die sehr geschliffen Englisch spricht. Es gibt viele gemischte Pärchen in Shanghai, aber immer nur in der Kombination West-Mann und China-Frau, nie umgekehrt. Halt nein, das stimmt nicht, mir fällt ein, ich kenne eine deutsche Mutter, die gerade ein Verhältnis mit ihrem chinesischen Personal Trainer hat. Aber sie ist natürlich eine Ausnahme.

West-Männer sind in Shanghai eine begehrte Jagdbeute. Egal wie alt, wie dick, wie schön oder hässlich. Sie gelten als „White Horse“, das begehrteste aller Pferde (dicht gefolgt oder vielleicht sogar auf gleicher Höhe mit „Black Horses“: Chinesen mit ausländischem Pass, denn die bringen weniger kulturelle Schwierigkeiten mit sich). Vor dem „Sasha’s“, einem außerordentlich miesen Ausländer-Schuppen, in dem sie Rockmusik aus den Neunzigern spielen, lungern jeden Abend haufenweise chinesische Mädchen - in der Hoffnung, ein weißes Pferd zu ergattern. Sie hoffen darauf, wenigstens für ein paar Runden im Sattel zu bleiben und so zumindest ihr Englisch zu verbessern, im besten Fall natürlich, irgendwann geheiratet zu werden. Ich gucke zu Tobi, der gerade einen Fatty Tuna mit Stäbchen erdolcht, und sehe ihn an. Versuche, ihn ganz objektiv zu betrachten:  1,90 Meter, durchtrainiert, dunkle, glänzende Haare, blaue , wache Augen und ach … ich stelle sehr objektiv fest: mein Mann ist ein Prachtexmplar. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass alle Frauen hier auf Tobi starren. Diese aufgedonnerten, blendend aussehenden Hühnchen, deren Oberschenkel den Umfang meiner Oberarme haben, die immer so zerbrechlich wirken und o-beinig auf Schuhen balancieren, die mich in den nächsten Straßengraben befördern würden. Wahrscheinlich würde jede zweite hier ihr „Brown Horse“ (gewöhnlicher chinesischer Mann) auf der Stelle für einen West-Mann verlassen.

Im Internet kursiert seit geraumer Zeit ein Posting einer chinesischen Studentin der Jiatong Universität, das hier für ziemliches Aufsehen sorgte. In allen möglichen Foren wird darüber seit Herbst heiß diskutiert. Die meisten jungen Chinesen verbringen jede Minute, die sie nicht mit hinderlichen Dingen wie Schlafen, Essen oder Arbeiten verbringen müssen, im Internet, beim Online-Gaming, in verschiedenen Foren oder beim Bloggen. 72 Millionen Menschen in China schreiben einen eigenen Blog, das entspricht zumindest annähernd der Einwohnerzahl Deutschlands.

Diese Studentin, die Vorsitzende der Uni-Fußball-Cheerleader-Mannschaft, hat sich im Internet lang und breit darüber ausgelassen, weshalb sie West-Männer bevorzugt. Ich habe den Eintrag nur  leicht gekürzt, weil er so unglaublich ist: 

 

pretty-asian-girl-on-steps2„Jeder Mensch hat eine Idealvorstellung von seinem Leben. Manche träumen davon, ein Held zu werden, andere davon, reich zu sein oder eine Führungsposition zu ergattern. Mein größter Wunsch ist, einen West-Mann zu heiraten. Manche mögen mich für vulgär halten oder für eine Verräterin, aber ich bin ein sehr traditionelles Mädchen. Es ist mittlerweise trendy zu sagen: Ein gutes Studium taugt nicht so viel wie eine gute Heirat. Den richtigen Mann zu heiraten, ist wichtiger als alles andere auf der Welt. Manche fragen sich vielleicht: Gibt es denn keine guten Männer in China? Ich werde Euch meine Gründe erklären. Also setzt Euch aufs Sofa, auf den Boden oder wohin auch immer und hört genau zu. 

1. China hat keine passenden Männer für mich.

Ich bin ein besonderes Mädchen. Ich studiere an einer berühmten Uni, habe exzellente Noten, bin aber keines dieser IQ-Monster mit dicken Brillengläsern, die ihren Kopf den ganzen Tag in Büchern vergraben. Ich habe eine hervorragende Figur, sehe toll aus und kann mich kultiviert unterhalten. Ich bin Vorsitzende der Fußball-Cheerleader-Mannschaft, habe an verschiedenen Schönheitswettbewerben teilgenommen, mag Musik, Tanzen und Kunst. Ich schreibe ab und zu Kolumnen für die Zeitung, kurz: ich bin ein phantastisches Mädchen in jeder Hinsicht. Aber was für einen Mann sollte ich heiraten? Es gibt viele, die mir den Hof machen und die meisten meiner Freundinnen haben längst Freunde. Aber wenn sie ihren Abschluss machen, trennen sie sich entweder oder sie fangen an, übers Heiraten, Kinderkriegen usw. zu reden. Sie reden über alles Mögliche sehr ernsthaft, nur nicht über die Liebe. Ich bin sehr leidenschaftlich, ich möchte ein Leben, das sowohl metarialistisch als auch spirituell ausgefüllt ist. Sorry, aber das kann mir kein chinesischer Mann bieten. Klar könnte ich einen Kommilitonen heiraten und vielleicht einen guten Job bekommen – aber kann man sich so jemals ein Haus leisten? Ich möchte mal ein riesiges Wohnzimmer haben, so groß wie ein kleiner Salon, in dem ich meine Freunde treffen, guten Wein trinken und über Gott und die Welt plaudern kann. Auch das Badezimmer muss groß sein, damit eine Badewanne für zwei Personen reinpasst, in der ich mit schöner Musik eine romantische Nacht mit meinem Mann verbringen kann.

 Der Mann, den ich heiraten will, muss mindestens genug Geld für ein Auto haben, richtig? Oder soll ich etwa jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit fahren, der im Winter einer Gefriertruhe und im Sommer einer Mikrowelle gleicht? Dann wird in ein paar Jahren aus einem hübschen, jungen Mädchen eine dunkelhäutige Alte. Und mal ehrlich: Wollt Ihr Jungs wirklich, dass eine hübsche Akademikerin von diesen dreckigen Tagelöhnern herumgeschubst wird?

 Es mangelt China nicht an reichen Männern. Aber seht sie Euch doch mal an: Wieviele von denen haben Erfolg aufgrund eigener Anstrengungen, Fähigkeiten oder ihrer Aufrichtigkeit? Entweder sind es Steine schleppende, ungelernte Bauherren, Kohle schaufelnde Chefs aus Shaanxi oder sie sind korrupt. Sie sind weder zivilisiert noch haben sie Haltung. Wie soll ich mich mit so einem unterhalten? Mal ehrlich: Solche Leute halten es doch bereits für Kunst, wenn sie ein paar Zeilen aus einem englischen Popsong mitsummen können. Wenn sie Geld haben, gehen sie Essen, Saufen, Spielen oder zu Prostituierten. Ein friedliches Leben mit so jemandem wird schwierig. Es gibt da  ein paar Kerle, die jetzt schon an die Uni kommen, mir Visitenkarten zustecken, auf denen „CEO“, „Chairman of the Board“ oder irgendeine hohe Beamtenposition steht, einer noch reicher und noch arroganter als der andere. Einige haben mir gleich geradeheraus angeboten, ihre Konkubine zu werden. Oh mein Gott! Ich bin vielleicht keine außergewöhnliche Schönheit, aber ich bin jung und hübsch, habe jahrelang hart gearbeitet, um an eine Elite-Uni zu kommen, und damit soll ich nicht werden mehr als eine Geliebte?

 2. Die Lebenskonditionen in westlichen Ländern sind besser.

Selbst wenn ein außergewöhnlicher, reicher, eleganter, junger chinesischer Single sich in mich verlieben würde, ich würde ihn nicht heiraten. Ich will ehrlich sein: Ich will in den Westen. Die westliche Welt, die ich aus dem Fernsehen und Kino kenne, ist für mich das Paradies: saubere Straßen, elegante Gebäude, saubere Luft. Egal ob es sich um eine quirlige Großstadt oder um ein ruhiges Dorf handelt – alles scheint so friedlich und harmonisch. Jeder ist höflich, unabhängig von seinem akademischen Hintergrund. Sicher, ich könnte vielleicht auch in einer schönen Villa hierzulande landen, aber selbst wenn ich sie mir jemals leisten könnte: Wo, bitte, kann ich saubere Luft kaufen? Ist dieses Land nicht überall schmutzig und staubig? Klar, die ländlichen Gebite sind besser, aber wer will da schon hin? Wäre es nicht absurd, wenn ich mich im Bikini an meinem Pool sonne und draußen stehen ein paar Bauern mit Kuhmist in ihren Körben? Ja, auch in Tibet ist die Luft sauber, aber sorry, dieses Mädche, von dem ich spreche, hat Höhenangst.

 Die Lebenshaltungskosten in China sind horrend. Wir geben so viel Geld aus wie die Amerikaner, verdienen aber nicht mehr als ein Afrikaner. Meine Eltern haben hart gearbeitet, um mich zur Uni schicken zu können, das sollte ich ihnen irgendwann zurückzahlen und mich um sie kümmern, richtig? Aber selbst wenn ich einen guten, angesehenen Job finde, würde mein Gehalt wirklich dafür ausreichen? Meine Eltern werden langsam alt. Wenn sie mal in ein Krankenhaus müssen, wie sollte ich je diese teuren Arztrechnungen zahlen können? Die Länder im Westen haben allgemeine Krankenversicherungen. Was den Arbeitsmarkt anbelangt, ist China auch nicht gerade rühmlich. Jedesmal wenn ich eine dieser überfüllten Job-Messen sehe, bekomme ich fast einen Herzinfarkt. Diese Messen sind so voll wie der Omaha Beach am D-Day! Ich bin ein zartes Mädchen, wie könnte ich mich durch diese Masse stinkender Jungs quetschen?

 Zu den wichtigsten Aufgaben einer modernen Frau gehört es zu überleben, einen Platz an der Universität zu ergattern, zu studieren, einen Job zu finden, Geld für ein Haus zu sparen und danach für die Rente. Für welche davon muss man sich nicht zum Sklaven machen? Ist das nicht ermüdend? Wenn aus einer meiner Kommilitoninnen nach dem Diplom keine alte, dunkelhäutige Oma werden sollte, dann nur, weil sie einen reichen Mann finden wird, den sie erst heiraten und ihn dann abends losziehen lassen wird, in Restaurants, Bars, in Bordelle und Casinos. Und sie wird so tun als wüsste sie nichts davon, denn warum sollte sie leiden?

 3. Westmänner sind großartig

Ich mag Westmänner einfach. Schon als kleines Mädchen habe ich gern Westfilme gesehen, zum Beispiel „Ein Herz und eine Krone“ oder „Vom Winde verweht“, und ich mochte die Männer, die in den Filmen mitspielten. Ihre Gesichter sind so kantig, so besonders, vor allem ihre farbigen Augen, ihre langen, geraden Nasen und ihre schmalen, weichen Lippen. Die meisten Westmänner sind groß, gut und kräftig gebaut und immer sexy. Dann sehe ich mir die chinesischen Jungs um mich herum an: Selbst wenn ich über ihre schmalen Augen hinwegsehe, haben sie immer noch dicke Stummelnasen, wulstige Lippen und wenn sie auch noch etwas gebräunt sind, sehen sie Afrikanern bemerkenswert ähnlich. Die gebildeteren sehen alle mager und unterernährt aus, da frage ich mich ernsthaft, ob mich so einer beschützen kann? Manchmal gibt es Männer, die sich Muskeln antrainiert haben, aber dafür haben sie vergessen, ihr Hirn zu trainieren.

 Viele Jungs an meiner Uni machen mir den Hof, auch andere Männer bitten mich um Dates, aber es gibt nicht viele davon, die ich mag. Sie sahen entweder aus wie eine Sojasprosse oder wie „Ultraman“ von der japanischen TV-Show, sie sind ungepflegt und keiner von ihnen macht sich auch nur die geringsten Gedanken über sein Äußeres. Viele spucken in der Öffentlichkeit, ich hasse das. Nur kleine Kinder und Tiere urinieren oder defäzieren überall hin, und Spucken ist keinen Deut besser als Urinieren oder Defäzieren. Ich würde sie maximal halb-zivilisiert nennen.

 Die meisten Westmänner sind elegant gekleidet, weil sie von Klein auf eine gute Erziehung genossen haben. Es gibt in Shanghai McDonald’s und KFC Restaurants, ich gehe dort oft mit Freunden hin. Alle Westmänner dort scheinen gut erzogen, sie halten einem die Tür auf und stellen sich in einer Reihe an. Chinesische Männer stürmen auf den Tresen zu, sobald die Tür sich öffnet, drängeln in Massen und schreien den Kellnern ihre Bestellungen entgegen, als wären sie in ihrem letzten Leben verhungert. Und wenn sie fertig sind, werfen sie ihren Müll schamlos irgendwo hin, während die Westler ihn sorgfältig stapeln und ihre Tabletts auch noch selbst wegbringen. Das ist einfach ein anderes Level!

 Hinzu kommt, dass die meisten chinesischen Männer keine Unabhängigkeit kennen. Bei ihnen dreht sich alles um Mädchen, sie sind wie eine Supernanny. Ich habe das Gefühl als hätten sie kein eigenes Ich, als klebten all ihre Gedanken bei Mädchen. Wenn sie in einen Bus steigen, prügeln sie sich um einen Platz, nur um ihn dann als erster einem Mädchen anbieten zu können, egal ob neben ihnen ein älterer Herr oder ein kleines Kind steht. Ich schäme mich jedesmal zu sehr, um mich hinzusetzen. Auf solche Männer, die sich für Mädchen zum Deppen machen bis sie verheiratet sind, die bei der Arbeit um ihren Chef herumschleichen und zu Hause in der Küche, auf die kann ich nur herabschauen. Die gedanken- und temperamentlos sind, meine Güte, ich würde mich vor dem Sohn fürchten, den ich mit so einem Modellbürger haben würde, der so offensichtlich in einem authoritären System groß geworden ist. Welches Mädchen mag keinen Mann mit Persönlichkeit und Mut?

 Westmänner sind in einer Umgebung groß geworden, die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit fördert. Sie haben eigene Gedanken, nicht wie Chinesen, die alle Papageien gleichen. Nehmen wir zum Beispiel meine Kommilitonen. Wenn die Regierung über Japans und Chinas gute bilaterale Beziehungen spricht, mögen sie Japan. Sobald die Regierung einen nationalistischen Kurs einschlägt, wettern sie über Japan. Jeder einzelne von ihnen ist hirnlos, lässt mit sich herumspielen wie ein Affe und dabei hält er sich noch für groß und mächtig. Sie alle sind ein Haufen eingebildeter Affen! Sie sind manches, das ich im wahren Leben nicht sagen kann, aber ich kann es online.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich möchte einfach einen Westmann heiraten, am liebsten einen Amerikaner, aber ein Europäer wäre auch nicht schlecht. Ich habe keine großen Ansprüche, es macht mir nichts aus, wenn er eine geringere Ausblidung hat als ich, mir ist auch egal, was für einen Job er hat. Liegt der Monatslohn für Tellerwäscher bei MacDonald’s in den USA nicht über 1000 Dollar? Davon könnte er sich immer noch ein Auto und ein Haus kaufen. Wenn das nicht möglich ist, würde ich auch einen geschiedenen Mann mit Kindern nehmen. Westkinder sind unabhängig, die würden mich wenigstens nicht hinter ihnen herputzen lassen und ich müsste nicht um sie herumschwänzeln. Wenn das auch nicht möglich sein sollte, würde ich sogar einen Japaner oder Koreaner heiraten. Die würden wenigstens nicht für mich kochen. Wie auch immer, ich möchte dieses Land verlassen und in den Westen gehen, wenn nicht für die Freiheit, dann fürs Geld.

Ich gebe zu, ich bin sehr direkt, aber denkt nicht falsch von mir. Ich tue niemandem weh, ich möchte lediglich ein besseres Leben, sei es materiell oder kulturell. Ich habe die US-Serie „Desperate Housewifes“ gesehen. Diese ruhige Ortschaft, diese sauberen Straßen, die elegante, höfliche Nachbarschaft! Da wusste ich: Das ist das Leben, das ich möchte!“

Originalfassung nachzulesen unter: 

http://www.chinasmack.com/stories/china-does-not-have-any-men-suitable-for-me/

 

Dorthe, Norbert und Elwin liegen halbtot auf unserem 1,20 Meter breiten Gästebett. Sie sind heute Morgen aus Hamburg angekommen, haben im Flugzeug so gut wie nicht geschlafen und kämpfen gegen die Zeitverschiebung. Als sie am späten Nachmittag schlaftrunken ins Wohnzimmer tappen, kommt der erste China-Schock: Sie müssen mit uns zur Barbie Glamour Opening Party. Auf der Huai Hai Road, einer der bekanntesten Shoppingmeilen der Stadt, eröffnet heute der weltweit erste Barbie Flagship Store. Auf 8 Stockwerken und insgesamt 35.000 Quadratmetern.

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Huai Hai Road 550 vor zwei Wochen (links) und heute (rechts)

Dazu muss man wissen, dass die meisten Chinesen mit der Marke Barbie so gut wie nichts anfangen können. Zwar versucht Mattel seit sieben Jahren, einen Fuß auf den chinesischen Markt zu bekommen, doch bisher ohne nennenswerten Erfolg. Ein Blick auf den “Children’s Market” (auf dem keine Kinder, sondern Fake-Kinderklamotten und Spielzeuge verkauft werden) genügt: Hello Kitty, Winnie Pooh und Mickey Mouse wohin das Auge reicht: Rucksäcke, Plüschtiere, Pullover, Zahnbürsten. Von Barbie keine Spur. Chanels Mutter Lili hat mir erzählt, dass die meisten kleinen Mädchen in China all ihre “Wawas” (Puppen) “Babi” nennen, egal welcher Haarfarbe, Größe oder welchen Herstellers. 

Der Shop soll der große Big Bang für Barbie in China werden. Und eine kleine Wiedergutmachung, um die angeschlagene Beziehung zwischen dem US-Konzern Mattel und China zu kitten. Als 1997 über 20 Millionen bleihaltige Spielzeuge “made in China” wegen Sicherheitsbedenken zurückgerufen werden mussten, hat die aufkeimende Liebe zwischen den beiden ein jähes Ende genommen. Zwar beeilte sich das Management, die Schuld auf die hausinterne Design-Abteilung und nicht auf Chinas Produktionsstätten zu laden, doch da war es schon zu spät. Die Chinesen sind beleidigt, haben sie doch ihr Gesicht bei der Sache verloren.

In dem Barbie-Tempel sollen sich nun nicht nur kleine, sondern vor allem große Mädchen mit Barbie und ihrer Freundin “Ling”, einem echten Shanghai Babe mit dezenten Mandelaugen und Paris-Hilton-Schoßhündchen, beide extra für den Shop designt, anfreunden. Entweder während eines “Mommie & me”-Beauty-Treatments im Barbie Spa, beim “Pink Lunch” im Barbie Café oder abends an der Barbie-Bar samt Karaoke und DJ. Die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht, schließlich laufen erwachsene Business-Frauen hier gern mit Hello-Kitty-Taschen, Bärchen-Rucksäcken oder Riesenlollis herum. Waum also nicht auch mit Barbie-Ohrringen oder –Golfbags?

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Louis Vuitton war gestern: Barbie Golf Bag

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Barbies neue Freundin “Ling”

Wie auch immer - ich habe auf wundersame Weise eine Einladung für die Glamour Opening Party bekommen, Dresscode: „Elegant Black or Glamourous Pink“. Norbert ist zu müde, um zu protestieren, Dorthe macht sich Sorgen, weil sie nicht die richtigen Schuhe mithat und Elwin will mit unserer Babysitterin bei Amélie bleiben und Biene Maja gucken.

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Biene Maja statt Barbie: Elwin und Amélie vor der Glotze

Also lassen wir uns von Fang im weißen Buick an der Huai Hai Lu 550 vorfahren und die Türen vor der Horde Volkspolizisten aufgleiten, die den Eingang abriegelt. Auf dem Bürgersteig ist eine 500 Meter lange Schlange. Das Gebäude ist restlos überfüllt, nichts geht mehr. “Babiwawa! Babiwawa!” Ein höchstens zweijähriges Mädchen kreischt vor dem Eingang und reibt sich die Augen. Es ist neun Uhr abends. Stark geschminkte Frauen schieben kleine Mächen im Prinzessinenkostüm auf dem Arm durch die Menschenmassen. Für einen pinkfarbenen Gratis-Lolli können die Kleinen schon mal länger aufbleiben. Ich wedle mit der VIP-Einladung und wir schieben uns an den Polizisten vorbei in die “Dreamlobby”.

Dort kündigen sich die Wehen bereits leise an: hysterisches Mädchenkichern. Das Kichern wird lauter, je höher man mit der Rolltreppe durch den schmalen, pink fluoreszierenden Tunnel fährt. Es ist der Geburtskanal, durch den man muss, um als lebendige Barbiepuppe neu aufzuerstehen. Vorbei am “Meldeamt”, wo erstmal der “Barbie-Passport” beantragt wird, durch die Mode-, Schmuck- und Accessoires-Abteilung,  weiter zum Barbie-Spa, zum Barbie-Friseur, zum Barbie-Café, landen wir vor dem Laufsteg. Chinesische Models mit blond gefärbten und gekreppten Haartürmen führen Teeniemode vor. Ein Aufpasser drückt Dorthe und mir eine Barbie-Jutetasche in die Hand. Wo sind die Getränke? Wo ist das Buffet? “Only Sprite and Coke” sagt die Dame hinter dem pinkfarbenen Tresen. Leider könne sie uns keinen “Barbietini” und auch keinen “Glamourpolitain” mixen, denn die Cocktailgläser seien alle. Enttäuscht gehen wir einen Stock abwärts ins Barbie-Spa, wo an der Wand steht: “I’m not designed to do housework.” Auf dem Weg dorthin nimmt uns ein weiterer Wärter die Jutebeutel wieder ab. “Only for Shopping”, sagt er. Ich habe da offenbar etwas falsch verstanden, wir sollen hier nicht feiern, sondern einkaufen. Und eine VIP-Einladung haben schätzungsweise 4000 Gäste.

Enttäuscht kämpfen wir und zurück in die Dreamlobby, was uns ungefähr eine halbe Stunde kostet, denn die Aufzüge sind verstopft, und fahren zum Bund, in eine andere “Glamour Bar”, genannt “Lounge 18”. Der Laden ist noch leer, es ist offenbar noch zu früh. Eine freundliche Dame will uns an einem Tisch in einem dunklen Gang hinter den Toiletten platzieren. Tobi wird wütend. Warum? Die Tische seien doch sowieso alle leer! Antwort: “Cannot.” Sie erzählt uns ein paar hanebüchene Geschichten, die Tische seien nur für sechs Personen, nicht für vier, nur für Leute, die auch tanzen würden und anderen Mist. Tobi fragt, ob man auch sieben Finger und drei Zehen haben müsse, um dort sitzen zu dürfen. Natürlich versteht die Dame nichts.  Nach einer viertelstündigen Diskussion kommt letztendlich heraus, dass für die  Tische VOR den Toiletten ein Mindestverzehrwert von 1500 RMB gelte, etwa 170 Euro. Schließlich geht es in solchen Bars für reiche Cinesen und betrunkene Ausländer vor allem darum, anderen zu zeigen, dass man es sich leisten kann, an so einem Tisch zu sitzen. Tobi und ich diskutieren noch ein bisschen mit der Dame, dan sagt Tobi ihr etwas wie sie könne sich ja allein in ihrem leeren Schuppen für 1500 Kuai vollaufen lassen und dreht sich um, um zu gehen. Da tippelt das Fräulein ihm aufgeregt hinterher und bietet uns einen Tisch an der leeren Tanzfläche.

Dorthe und Norbert sind, glaube ich, geschockt wegen dieser kleinen Kolonialherren-Einlage, und ich weiß: Ich wäre es auch, wenn ich nicht schon neun Monate Shanghai hinter mir hätte. Man verändert sich hier, ob man will oder nicht. Das hat nichts mit Arroganz oder Respektlosigkeit zu tun, sondern mit Machtlosigkeit. Und mit Erfahrungswerten. Mit europäischer Höflichkeit kommt man meist nicht weit. Als ich beispielsweise unsere Ayi einmal freundlich bat, ihr Elektrorad nicht in unserem Wohnzimmer, sondern draußen vor der Tür zu parken, lächelte sie zurück und sagte: “cannot”. Es könnte ja geklaut werden. Ich führte diesen Kampf drei Tage lang mit europäischer Höflichkeit. Sie ignorierte mich drei Tage lang mit chinesischer Höflichkeit und einem unausgesprochenen: Du kannst mich mal. Als ich ihr am vierten Tag ruhig, aber ernst mitteilte, sie könne hier leider nicht länger arbeiten, wenn sie ihr dämliches Rad nicht nach draußen bringe, sagte sie lächelnd: “No problem.” Und schob das Ding vor die Tür.

Es ist ein täglicher Machtkampf. Das Schwierige daran finde ich, auf dem schmalen Grat zwischen bestimmtem, aber trotzdem respektvollen Auftreten zu balancieren. Der Drahtseilakt gelingt nur an guten Tagen. An schlechten drehe ich durch, fühle mich ungerecht behandelt und werde selbst ungerecht. Ich weiß wirklich nicht, ob es je möglich ist, als Westler seine Mitte zu finden im Land der Mitte.

Norbert hat seine Mitte längst auf der Tanzfläche gefunden, wird allerdings ständig von einer sich räkelnden Gogo-Girl-Truppe im Pfauenkostüm verdrängt. Als wir dazustoßen, verschwinden sie, um kurz darauf im Leopardendress wieder durch die Bar zu tänzeln. Eigentlich fehlt jetzt nur noch Michael Ammer. Oder Dieter Bohlen. Um drei klingelt das Telefon. Christine, unsere Babysitterin ist dran. Elwin ist aufgewacht und weint. Er weiß weder wo er ist noch wo wir sind noch welche Sprache hier gesprochen wird. Uns geht es ähnlich. Mit schlechtem Gewissen eilen wir schnell nach Hause. Elwin sitzt auf Christines Schoß und sie streichelt ihm unaufhörlich über den Kopf. Tapferer, kleiner Elwin. 

lei_feng_2Heute ist „Lei Feng-Tag“. Lei Feng ist gewissermaßen der Heilige Martin Chinas. Seit Mao Zedong ihn 1963 zum Musterhelden der Selbstlosigkeit erkoren hat, kommt kein chinesisches Schulkind mehr an dem einstigen Rotarmisten und seinen guten Taten vorbei. China ist bekanntlich ziemlich gut im Personenkult. Auch wenn die Verehrung Maos nach der Kulturrevolution und diversen anderen „Irrtümern“, die insgesamt 70 Millionen Menschen das Leben gekostet haben, deutlich gelitten hat.

Mein Lieblingsirrtum Maos ist die Geschichte mit den Spatzen: Weil die Spatzen dem hungernden Volk angeblich alles Getreide wegfraßen, befahl Mao 1956 allen Chinesen, gegen die Spatzen anzutreten. Sie sollten auf Töpfen trommeln, Deckel gegeneinanderschlagen und stundenlang so einen Heidenlärm machen, bis die sensiblen Vögel vor Erschöpfung tot vom Himmel fielen. Allein in Shanghai starben offiziell 88.371 Spatzen in nur drei Tagen. Insgesamt brachte die Bevölkerung fast zwei Milliarden Vögel um die Ecke. Wenige Jahre später musste China Spatzen aus der Sowjetunion importieren, weil sich Insekten und Ungeziefer ohne ihre natürlichen Feinde rasend vermehrt hatten und zur Plage geworden waren. 1960 schließlich räumte Mao seinen Irrtum ein und befahl, die Vogeljagd zu beenden.

 Im Gegensatz zu Beijing, wo Mao immer noch überlebensgroß vor dem Kaiserpalast hängt, ist in Shanghai von Mao relativ wenig zu spüren. Bisher begegnet er mir regelmäßig nur in unserem Lieblings-Chinesen Di Shui Dong, wo „Chairman Maos Favourite Dish“ (rot geschmorter Schweinebauch) auf der Speisekarte steht.

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Chairman Maos Leibspeise: Hong Shao Rou 

Mit meiner Chinesischlehrerin habe ich nur einmal über den Großen Vorsitzenden gesprochen. Es war ihr sichtlich unangenehm. Ein Onkel von ihr, ein Lehrer, ist bei der Hatz auf Intellektuelle während der Kulturrevolution ums Leben gekommen. Nach zwei Minuten, gerade als es spannend wurde, brach sie die Unterhaltung jedoch mit folgenden Worten ab: „Meide Politik, kümmere dich nur um dein Fortkommen, hinterlasse nichts Schriftliches, was einmal gegen dich Verwendung finden könnte.“ Diesen Satz hätten ihr ihre Eltern mit auf den Weg gegeben.

Heute also wird Maos Vorzeigegenosse Lei Feng gefeiert. Lei Feng wurde 1940 in Hunan im Süden Chinas als armer Bauernsohn geboren. Sein Vater wurde von japanischen Truppen ermordet, die Mutter beging Selbstmord. Feng verschrieb sich ganz der revolutionären Sache, wurde Truppenführer, lebte bescheiden und vollbrachte eine gute Tat nach der anderen: Er spendete Ersparnisse für Flutopfer, wusch nach langen Märschen die Füße seiner Kameraden und stopfte in der Freizeit ihre Socken. Mao lud ihn gern zu Vorträgen ein - bis er mit 21 von einem Holzmast erschlagen wurde, ein tragischer Arbeitsunfall. Besser könnte eine kommunistische Heldenvita nicht verlaufen. Sein Tagebuch wurde millionenfach gedruckt, sein Portrait hängt in fast jeder Schule. (Auch wenn sich die meisten Chinesen längst andere Helden gesucht haben: Bill Gates, den Basketballstar Yao Ming oder David Beckham zum Beispiel).

Früher war es Mode, am Lei-Feng-Tag alten Leuten bei der Hausarbeit zu helfen, Bedürftigen das Fahrrad umsonst zu reparieren oder gratis die Haare zu schneiden. Heute geht es eher um freiwillige Dienste für soziale Einrichtungen: Müll sammeln in den Moganshan Bergen, Blut spenden und Ähnliches. Die „Shanghai Daily“ berichtet heute über die “Lei-Feng-Taxi”-Einheit in Harbin, die 300 gekennzeichnete Taxis umfasst, deren Fahrer Gutes tun. Einer habe beispielsweise Wochen gebraucht, um den Besitzer eines Koffers ausfindig zu machen, den dieser in seinem Taxi vergessen habe.  Qiuqin teilt mir pünktlich zum Lei Feng Tag im Chinesischunterricht mit, dass sie leider nicht mehr meine Lehrerin sein könne. Das ist traurig, denn ich habe sie richtig gern, aber ich trage es mit Fassung, mich verlassen hier schließlich ständig Menschen, die ich mag. Erst unsere Ayi, dann der erste Chinesischlehrer, jetzt Qiuqin. Nur Fang beibt uns treu. Noch. Vielleicht liegt es ja an mir? Bin ich zu unhöflich? Zu höflich? Zu impertinent?

„No no“, sagt Qiuqin, es sei nur so: Erstens habe sie ab Mai einen neuen Job als Marketingassistentin und zweitens müsse sie Knochenmark spenden. Am Lei-Feng-Tag vergangenen Jahres hat sie sich an ihrer Universität auf der Spenderliste des Roten Kreuzes eintragen lassen, das zum jährlichen Rekrutierungsbesuch in die Vorlesung kam. Letzte Woche erhielt sie die Mitteilung, dass man ein an Leukämie erkranktes 15-jähriges Mädchen gefunden habe, deren Knochenmark exakt zu ihrem passe. Nächsten Montag soll die Operation sein. Danach muss Qiuqin zehn Tage im Krankenhaus bleiben. Die Eltern des Mädchens müssen also für zwei Operationen aufkommen: für insgesamt 400.000 RMB, etwa 45.000 Euro. Genauso selbstverständlich, wie sie sich die Nase mit koreanischem Silikon hat aufpolstern lassen lässt sich Qiuqin jetzt für ein fremdes Mädchen den Rücken aufschlitzen. Ich weiß nicht, ob ich dazu bereit wäre. Ich habe, ehrlich gesagt, noch nicht mal darüber nachgedacht. Ich muss ziemlich betroffen und beeindruckt aussehen, denn Qiuqin fragt mich, ob sie für mich auch einen Kontakt zum Roten Kreuz herstellen soll. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren in dieser Chinesischstunde. Ich muss nachdenken und mich schämen.

img_1579Wir haben in unserer Küche eine Wasserpumpe, die sich immer anschaltet, wenn man einen Wasserhahn aufdreht. Es ist dann so laut, dass man im Wohnzimmer und der Küche brüllen muss, um sich zu verständigen. Wir haben uns daran gewöhnt und schalten jedesmal automatisch beim Sprechen 50 Dezibel nach oben. Gestern jedoch schaltete sich das Ding plötzlich überhaupt nicht mehr ab, es lief und lief, bis der Schrank, in dem sich die Pumpe befindet, so heiß war, dass die gesamte Tupperschüsselsammlung darin geschmolzen ist. Xiao Cheng bügelte seelenruhig vor sich hin, inmitten des Gestanks von verkokeltem Plastik. Zum Glück kam ich rechtzeitig nach Hause, sonst wäre womöglich das ganze Haus abgebrannt. Ich zog den glühend heißen Stecker aus der Dose und wollte meine Hand unter kaltem Wasser kühlen. Doch aus dem Wasserhahn spuckte nur noch ein gelbbrauner Tropfen.

Jetzt haben wir seit zwei Tagen überhaupt kein Wasser. Gott sei Dank sind unsere Nachbarn sehr hilfsbereit und haben uns sofort diverse Eimer zur Verfügung gestellt, mit denen wir Wasser aus ihrem Außenwaschbecken zapfen dürfen. Damit können wir wenigstens die Toiletten spülen. Amélie findet das so lustig, dass sie alle zehn Minuten auf Klo will, nur um wieder einen Eimer Wasser zu holen und mit einem Lolli oder klebrigen Zuckerstangen zurückzukehren. Ich habe der Nachbarin zum Dank eine Packung deutsche Pralinen geschenkt. Die zeigt sie jetzt stolz jedem, der vorbeigeht. Seltsam. Jetzt, wo wir ausziehen, sind mir unsere Nachbarn richtig ans Herz gewachsen. Sogar der verrückte Alte, der uns im Sommer die Klimaanlage zertrümmert hat, lächelt uns in den letzten Wochen freundlich zu. Ich schäme mich ein bisschen, weil ich anfangs so über sie geschimpft habe. Dabei weiß ich doch auch nicht, wie ich reagieren würde, wenn in Hamburg direkt neben uns eine Marsmenschen-Familie einziehen würde.

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Warum kompliziert …

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… wenn es auch einfach geht?

Die Arbeiter, die der Landlord geschickt hat, hacken die ganze Lane vor unserem Haus mit einem riesigen Holzhammer auf. Mir kommt das Ganze vor wie ein Kinderzeichentrickfilm, Wicki und die starken Männer mit einem Spielzeughammer, aber die Methode ist offenbar sehr effektiv. Vor unserer Tür türmt sich bereits ein meterhoher Haufen aus Asphaltbrocken und Erde. Wasser haben wir trotzdem keins. Ich verstehe nicht genau, wo das Problem liegt, mein Chinesisch ist immer noch erbärmlich schlecht, aber die Wasserleitung, die bei den Aushebearbeiten zu Tage kommt, spricht für sich: das Rohr ist so verrostet, dass kaum mehr etwas davon übrig ist. Jetzt weiß ich auch, warum unser Wasser und damit unsere ehemals weiße Wäsche so einen interessanten Vanilleton hat.

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Was nun?

Wicki und die starken Männer scheinen ratlos. Sie stehen um den Graben herum, den sie gebuddelt haben, und gucken stumm hinein. Als sie abends nach Hause gehen, zeigt mir Mr. Zhou stolz eine Notleitung, die er aus ineinader gesteckten, mit Klebeband umwickelten Plastikschläuchen für uns gebastelt hat. Ich bin gerührt. Guter Mr. Zhou. Er erklärt mir, die Nachbarin habe erlaubt, ihre Hauptwasserleitung anzuzapfen. Ich werde wohl noch eine größere Pralinenschachtel besorgen müssen. Und wir können wenigstens duschen.

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